Erfahrungsberichte

Bericht der Begleitung von Familie B.

Mitte Juli diesen Jahres nahm Familie B. Kontakt zu uns auf mit der Bitte um Unterstützung vom Hospizdienst. Bei meinem ersten Besuch ist Herr B. bereits bettlägerig. Er berichtete, daß vor zwei Jahren ein Prostatakarzinom mit ausgedehnten Skelettmetastasen diagnostiziert wurde. Eine Operation war nicht mehr möglich, der Tumor und die Metastasen wurden bestrahlt. Nach wenigen Wochen waren die Beine gelähmt, aber der Gesamtzustand verbesserte sich. An die durch die Lähmung hervorgerufenen Einschränkungen gewöhnte sich Herr B.. Seit einigen Wochen verschlechterte sich sein Zustand schleichend. Er fühlte sich zunehmend schwächer, konnte nicht mehr so oft in den Rollstuhl mobilisiert werden, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Herr B. konnte nur noch die Arme, den Kopf und eingeschränkt den Oberkörper bewegen. Frau B. pflegte ihren Mann sehr liebevoll, erst seit einer Woche wurde sie von einem Pflegedienst morgens und abends unterstützt. Sie selbst hatte auch gesundheitliche Beschwerden, die sie aber seit dem Fortschreiten der Erkrankung ihres Mannes kaum noch beachtete. Herrn und Frau B. erlebte ich sehr offen und herzlich, neben der Krankengeschichte flossen auch immer wieder die schönen, guten Erlebnisse in das Gespräch ein. Beide wollten sehr gern die Unterstützung und Begleitung eines ehrenamtlichen Helfers annehmen, damit Frau B. eigene Termine wahrnehmen und in Ruhe das Haus verlassen konnte. Herr B. freute sich auf einen neuen Gesprächspartner.

Der Hospizhelfer fand in der folgenden Woche einen sehr guten Einstieg in die Begleitung. Auch er wurde herzlich von der Familie aufgenommen.

Bereits bei meinem nächsten Besuch sah ich eine Veränderung. Herr B. hatte wieder verstärkt Schmerzen. Nach Rücksprache mit dem Hausarzt wurde die Schmerztherapie neu angepasst. Obwohl es Herrn B. deutlich schlechter ging, klagte er nicht. Seine Sorge galt allen anderen, er selbst trat in den Hintergrund.

Ich besuchte Familie B. regelmäßig und wir telefonierten zusätzlich. Herr B. freute sich über die Besuche. Er erzählte viel aus seinem Leben, das nicht immer einfach war. Die Familie war immer sein Lebensmittelpunkt.
Jetzt hatte er Sorge, wie die Krankheit wohl weiter verlaufen würde; was wäre, wenn die Lähmung weiter aufsteigen sollte. Diese Fragen beschäftigten ihn sehr, machten ihn manchmal traurig. Bei diesen Besuchen lernte ich auch die beiden Töchter und ihre Familien kennen. Herr B. war nie allein, er erwartete das nicht, war aber sehr froh darüber.

Während dieser Wochen verschlechterte sich der Zustand zunehmend. Die Schmerztherapie wurde immer wieder neu angepasst. Hinzu kamen starke Übelkeit, später Stuhlverstopfung, an einem Tag Urinverhalt. Der Hausarzt kam regelmäßig ins Haus. Herrn B. erlebte ich auch in den sehr schlechten Phasen ruhig und freundlich. Ich war immer wieder erstaunt, wie tapfer er war. Frau B. war rund um die Uhr für ihren Mann da. Beide waren sehr eng miteinander verbunden, Frau B. war traurig über die fortschreitende Veränderung. Als auch die Nächte für beide unruhiger wurden, blieben die Töchter abwechselnd an den Wochenenden bei ihrem Vater. Dadurch konnte Frau B. mal eine Nacht wieder durchschlafen und neue Kräfte sammeln. Die Unterstützung durch den Hospizdienst wurde zunehmend intensiver. Ich wechselte mich mit dem Hospizhelfer bei den nun täglichen Besuchen ab. In den letzten Tagen kamen wir beide zu unterschiedlichen Zeiten, was sehr entlastend wirkte.

Herr B. war sterbend. Er schlief viel, hatte sich bereits ein Stück entfernt, aber seine Hand hielt mich sehr fest. Die Töchter waren fast immer da. Neben der Traurigkeit des Abschiednehmens hatten die schönen, fröhlichen Erinnerungen auch Platz. Am nächsten Tag war Herr B. nicht mehr ansprechbar. Alle wirkten ruhig und gefasst. Die Zeit des Abschieds war da. Herr B. ist in der folgenden Nacht friedlich gestorben.

Die Begleitung hat mich sehr bewegt. Von Beginn an fühlte ich mich angenommen, konnte dazu beitragen, ein Netz zu knüpfen, daß eine gute Versorgung und Begleitung zu Hause ermöglichte und sicherte.


Bericht der Begleitung von Frau H.

Frau H. meldete sich im November mit der Bitte um Unterstützung. Ihr Hausarzt hatte ihr geraten, Kontakt mit dem Hospizdienst aufzunehmen. Bei meinem ersten Besuch erzählte sie mir ihre Krankengeschichte. Sie war vor fünf Jahren an einem Tumor in der Brust erkrankt und obwohl die Diagnose „Krebs“ für sie niederschmetternd war, wollte sie kämpfen. Es folgten Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Danach machte sie einen langen Urlaub und erholte sich gut. Die behandelnden Ärzte sprachen von großem Erfolg und einer sehr günstigen Prognose. Es ging ihr auch gesundheitlich gut. Die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen gaben keinerlei Anlass zur Sorge. Aber vor acht Monaten wurden doch neue Metastasen (Tochtergeschwulst) diagnostiziert. Die Behandlung mit einer neuen Chemotherapie brachte nicht den erhofften Erfolg.

Bei meinem ersten Besuch stand neben dem Bericht über den Krankheitsverlauf die Frage, wie lange kann sie allein in ihrer Wohnung bleiben, an erster Stelle. Frau H. war schon lange verwitwet, hatte drei Kinder, die weit verstreut in Deutschland lebten und beruflich stark eingebunden waren. Die Kinder hatten den Vorschlag gemacht, daß sie in die Nähe zog, so daß die Unterstützung leichter würde, aber das lehnte Frau H. energisch ab.
Da sie in einer recht guten körperlichen Verfassung war, machte ich ihr den Vorschlag, sich die stationären Hospize in der näheren Umgebung anzusehen. Und ich stellte ihr das Angebot des Hospizdienstes vor. Bald war klar, daß sie solange es möglich ist in ihrer Wohnung bleiben wollte. Der Hausarzt erklärte sich bereit, auch Hausbesuche zu machen. Sie wollte gern Kontakt zu einer Hospizhelferin haben, damit sie sich schon kennen würden, wenn es zu einer raschen Verschlechterung käme und sie mehr Hilfe bräuchte.
Mit einer Bekannten besuchte sie die stationären Hospize und war begeistert. Wenn die Versorgung in ihrer Wohnung nicht mehr möglich sei, wäre das der richtige Ort für sie. Die Hospizhelferin kam gut in Kontakt und besuchte Frau H. zweimal wöchentlich. Bei einem Besuch sagte sie: „Ich bin froh, daß die Weichen gestellt sind. Jetzt bin ich vorbereitet und habe Hilfe und kann alles andere auf mich zukommen lassen.“

Frau H. wurde schwächer, die Schmerzen nahmen zu. Weitreichende Hilfe lehnte sie ab. Gemeinsam mit dem Hausarzt wurde die Medikation umgestellt. Die Schmerzen erschienen ihr erträglicher. Die Schwäche war unverändert und es fiel ihr sehr schwer, nicht mehr so aktiv zu sein und zunehmend mehr Kraft und Zeit für die Dinge des Alltags zu benötigen. Dieses Nachlassen der körperlichen Kräfte war immer wieder Thema in unseren Gesprächen. „Ich habe doch immer alles mit Links gemacht. Jetzt muß ich mir die Handgriffe einteilen, die ich bisher unbewusst und selbstverständlich gemacht habe.“ Eine Woche später stürzte sie im Bad, blieb aber unverletzt. Doch dieser Sturz bewirkte, dass ein Hausnotruf installiert werden durfte. Dieser Hausnotruf beruhigte alle Beteiligten.

Zu Beginn der Adventzeit war der Besuch einer guten Freundin geplant. Sie wollte eine Woche bleiben und Frau H. freute sich sehr. Mit ihren Kindern hatte ich besprochen, daß sie sich abwechselnd eine Woche Urlaub nehmen, um bei der Mutter zu sein. Die Kinder gingen gern auf diesen Vorschlag ein. Frau H. freute sich
zwar, fand es aber nicht nötig, immer in der Sorge, jemanden zur Last zu fallen.

Der gesundheitliche Zustand verschlechterte sich zusehends. Der Hausarzt kam regelmäßig. Die Hospizhelferin entlastete die Freundin und die Kinder. Sie war immer nur kurze Zeit allein, was ihr auch wichtig war, denn sie lebte ja die letzten 17 Jahre, nachdem die Kinder aus dem Haus waren, allein und war daran gewöhnt.
Weihnachten war sie mit ihren Kindern zusammen. Es war sehr schön und leise, berichtete sie mir danach. Sie war so schwach, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Essen wollte sie seit Tagen nicht mehr. Die beiden Töchter waren unsicher, wie es weiter gehen würde. Sie hatten das Sterben eines Menschen noch nie miterlebt. Am Küchentisch führten wir ein langes Gespräch über Sterben und Tod und ich ermutigte sie, auf diesen letzten Weg die Mutter zu begleiten. Bei meinem Abschied bedankte sich Frau H. bei mir, sie hätte es nicht für möglich gehalten, daß sie bis zuletzt in ihrer Wohnung bleiben würde, aber jetzt sei es doch Wirklichkeit geworden.
Am nächsten Tag ist Frau H. gestorben.

Auch ich bin dankbar, daß sie zuhause bleiben und sterben konnte. Denn das war ihr eigentlicher Wunsch.



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27.04.2017